Aus Krähwinkels neuesten Schreckenstagen – Der staatserschütternde Frevel der Entblößung und ein zartes Lüftchen freien Denkens
Mitte Januar berichteten lokale Medien über eine weitere antimilitaristische Kunstaktion in Osnabrück: Die Bronzeskulptur „Fountain of Wishes“ in der Hase wurde mit dem Konterfei des Kriegsministers sowie der Nachbildung eines übergroßen, erigierten Penis versehen. Polizei und Staatsschutz nahmen Ermittlungen auf. Während überregional berichtet wurde und sich im Leserforum der örtlichen Lokalzeitung staatsbürgerliche Empörung entlud, reagierten viele Nutzer*innen sozialer Medien allerdings mit Gelassenheit, Humor und sogar Zustimmung bis hin zu zarter Kritik an der „Überreaktion“ der Behörden.
Kaum hatte der bronzene Polizist im Wasserlauf der Hase eine neue anatomische Wahrheit erhalten, erhob sich in Krähwinkel an der Hase wieder das alte Geräusch: das empörte, wohlanständige, eliminatorische Räuspern des Bürgertums.
„Feige!“
„Trottel!“
„Chaoten!“
„Pubertäre Schmierfinken!“
Die Kommentare marschierten geschniegelt im Stechschritt durch die digitale Öffentlichkeit wie einst die Bürgerwehr über den Marktplatz. Mensch konnte förmlich hören, wie die Ordnung ihre Handschuhe überstreifte.
Dabei war die Bildsprache von geradezu unanständiger Verständlichkeit: ein Ministergesicht, Kriegsgerät und ein Symbol militärischer Potenz – jene Mischung aus Politik, Körperlichkeit und archaischem Männlichkeitskult, aus der sich der kriegsgeile Herrschaftsdiskurs speist und die, sichtbar geworden, Krähwinkels Moralgefühl zuverlässig erschüttert.
Denn in Krähwinkel gilt nicht der Krieg als unanständig, sondern seine entblößte Gestalt.
Das Panzerrohr darf hochglanzpoliert und ungestraft präsentiert werden, die Kriegsfabrikbefürworter*innen öffentlich Todesproduktion als „eine Art Pazifismus“ beweihräuchern und die nackte Gewalt darf friedensstadtangemessen geschniegelt Verwaltungssprache sprechen – nur der entblößte und erregte Körper derselben gilt als ungehörig, pubertär, frevelhaft und verfolgenswert.
So erklärt sich der Eifer der Behörden, die nun mit amtlicher Ernsthaftigkeit der enthüllten politischen Anatomie deutscher militarisierter Normalzustände nachspüren. Der Staatsschutz, jener Nachtwächter der öffentlichen Sittlichkeit, patrouilliert im Nebel an der Hase, als gelte es, die Republik vor dem direkt bevorstehenden Untergang zu bewahren. Wären da nicht noch die ´Russen´, dann wäre unzweifelhaft klar, wer der größte zu bekämpfende Feind ist… Und während anderswo die Panzer längst rollen, die in Krähwinkel erst noch gebaut werden sollen, forschen hier die Büttel und Saatsschützer ganz Tertianer-Mohikaner nach der Herkunft eines angeklebten Penis.
Krähwinkel verteidigt seine stahlgewittrige Moral mit kriminalistischer und filigran staatssichernder Hingabe. Wüsste mensch es nicht besser, dann würde mensch Krähwinkel mehr als dreißig Jahre zurück und etliche Kilometer weiter östlich vermuten.
Doch etwas hat sich verändert.
Während im Leserforum der Provinzpresse noch Anstand und Sittlichkeit beschworen wird, klingt es anderswo überraschend heiter und befreit. Auf den digitalen Marktplätzen wird die Aktion als kreativ, satirisch oder schlicht komisch bezeichnet. Einige fragen sogar, ob der Staatsschutz nicht wichtigere Aufgaben habe…
Es ist, als habe jemand ein Fenster geöffnet.
Vielleicht ist es nur ein Luftzug.
Vielleicht nur ein kurzer Karneval der Vernunft.
Doch für einen Moment klingt Krähwinkel weniger nach zugemufftem Beichtstuhl und folterbewährter Inquisition sondern fast nach kritikbewährter Öffentlichkeit.
Denn die eigentliche Obszönität unserer Zeit liegt nicht in der unverhüllten Darstellung der Bestialität des Krieges, sondern in seiner abgeschmackt inszenierten und beschworenen Alltäglichkeit und Gewöhnlichkeit. Gewalt darf politisch korrekt auftreten, solange sie sachlich und staatsräsonabel klingt. Aufrüstung und Krieg werden nüchtern beschlossen, Tod wird statistisch verwaltet, Flucht wird administrativ bearbeitet.
Nur die Entblößung militaristischer Triebhaftigkeit gilt als unsittlich und verfolgenswert.
So erinnert diese kleine Provinzosse an ein altes deutsches Märchen.
Lange schon wusste Krähwinkel, dass der Kaiser nackt war.
Mensch sah es auf Paraden, in Haushaltsplänen, in Sonntagsreden über Kriegstüchtigkeit. Doch mensch schwieg – aus Untertanengeist, aus Unterwürfigkeit vor der Autorität, aus Gewohnheit, aus Disziplin, für den kleinen persönlichen Vorteil, den mensch sich vom Hofe versprach, oder auch nur aus Dünkelhaftigkeit.
Bis jemand kam und die nackte Geilheit sichtbar machte.
Nicht mit Predigten, nicht mit Programmen, nicht mit Pöbeleien — nur mit einem Bild und einer phallischen Installation.
Und plötzlich stand der Kaiser im öffentlichen Raum, final entblößt wie jede Macht, die sich ihrer eigenen Gewalt versichert. Der Skandal war nicht die Nacktheit, sondern ihre Sichtbarkeit.
Da erschrak Krähwinkel zutiefst.
Nicht über den Krieg, sondern über seine Darstellung.
Nicht über die Gewalt, sondern über ihre Anatomie.
Nicht über die Macht, sondern über ihre Blöße.
Und während die Schlapphüte des Staatsschutzes im Nebel der Hase noch nach phallischen Beweisstücken fahnden und Krähwinkels Bürgertum infolge der Entfernung vom offenen Meer und freien Sinn zwischen Kanzel und Kommentarspalte wieder einmal den Scheiterhaufen für die Unsittlichkeit vorbereitet, geschieht etwas höchst Unkrähwinkeliges.
Einige lachen.
Andere denken nach.
Manche widersprechen öffentlich.
Das ist gefährlich für Krähwinkel, seine panzergestählte Wohlanständigkeit und seinen ansonsten friedhofsruhigen Normalvollzug — denn nichts untergräbt Autorität und Herrschaft so zuverlässig wie entblößendes Gelächter.
Vielleicht ist es nur ein Anfang.
Aber jeder Anfang sieht in Krähwinkel erst einmal wie ein Skandal aus.
Wir werden sehen…

