Neues aus Krähwinkel an der Hase

– Aus den jüngsten Schreckenstagen –

Krähwinkel an der Hase ist beruhigt.
Endlich spricht man(n) wieder Klartext
.

Nachdem sich in der Bevölkerung begannen, gewisse unkluge Vorstellungen breit zu machen – etwa, mensch könne über die Art der Arbeit, die man verrichtet, auch mitreden –, trat der zuständige Erste Bevollmächtigte der hiesigen Metallarbeiterverwaltungsbehörde öffentlich auf und stellte die Dinge richtig. Dies geschah ruhig, sachlich und mit jenem Ton und Lächeln, die Vertrauen schaffen, weil sie jede Hoffnung vermeiden.

Man(n) müsse, so erklärte der Bevollmächtigte, sich von Illusionen verabschieden. Illusionen seien bekanntlich gefährlich. Besonders die Illusion, Beschäftigte oder ihre Organisationen könnten sich aussuchen, was in einer Fabrik produziert werde. Die Reise gehe wohin sie gehe. Und gesteuert werde sie ausschließlich vom Unternehmen. DAS sei Realität.

Diese Einsicht wurde in Krähwinkel mit Erleichterung aufgenommen. Denn nichts ist belastender als Verantwortung. Die Vorstellung, mensch müsse Entscheidungen treffen, gar Konflikte führen, hätte die Gemüter nur unnötig erhitzt. Nun weiß man(n): Man(n) darf sich kümmern, ohne zu entscheiden. Man(n) darf reden, ohne zu widersprechen. Man(n) darf verwalten, ohne etwas durchzusetzen.

DAS ist Fortschritt.


Besonders erfreulich war die Klarstellung zur Frage des Pazifismus. Der Bevollmächtigte bekannte sich ausdrücklich zu ihm. Gleichzeitig erläuterte er, warum Pazifismus heute weiter gefasst werden müsse. Er dürfe nicht mehr so eng, so altmodisch verstanden werden. Früher habe man vielleicht geglaubt, Frieden entstehe durch Abrüstung. Heute wisse man: Frieden entstehe durch Resilienz.

Was Resilienz sei, wurde ebenfalls erklärt. Resilient ist, wer liefern kann. Wer durchhält. Wer seine Produktionslinien an neue Anforderungen anpasst. Wer verfügbar bleibt. Resilienz ist Standfestigkeit in bewegten Zeiten. Früher nannte mensch so etwas Ausbeutung der Arbeiter. Heute heißt es strategische Fähigkeit.

Auch der Begriff der Souveränität wurde modernisiert. Souverän ist nicht, wer (mit)entscheidet, sondern wer verlässlich ist. Wer nicht stört. Wer sich in größere Zusammenhänge einfügt. Krähwinkel ist stolz darauf, souverän zu sein.

Dass es sich bei den als Rettung avisierten Produkten möglicherweise um militärische Mordwerkzeuge handeln könnte, wurde nicht als Problem gesehen. Waffen seien schließlich keine Waffen mehr im alten Sinne. Sie seien Systeme. Plattformen. Beiträge zur Sicherheit. Außerdem, so wurde versichert, handle es sich nicht um Krieg, sondern um Vorsorge. Und Vorsorge ist etwas sehr Gewerkschaftliches.

Überhaupt sei Krieg ein unangemessenes Wort. Man(n) spreche heute lieber von Herausforderungen, von Lagen, von Szenarien. Tote kommen darin nicht vor. Auch Verstümmelte nicht. Das mache die Debatte sachlicher.

Einige ältere Einwohner*innen erinnerten sich zwar dunkel an Bücher, in denen beschrieben wurde, was mit Menschen geschieht, wenn man(n) sie in solche Szenarien schickt. Doch diese Literatur gilt inzwischen als historisch. Heute schreibt man(n) Strategiepapiere wie SOUVERÄNITÄT UND RESILIENZ gesichert werden und INDUSTRIEPOLITISCHE LEITLINIEN, in denenINSTRUMENTE FÜR EINE ZUKUNFTSFÄHIGE SICHERHEITS- UND VERTEIDIGUNGSINDUSTRIE notiert sind.

In diesen Papieren ist viel von Zukunft die Rede. Von Lieferketten. Von Planungssicherheit. Von der Notwendigkeit, industrielle Kapazitäten zu erhalten. Dass diese Kapazitäten am Ende auch genutzt werden müssen, gilt als unausgesprochene Stärke des Konzepts. Man vermeidet so moralische Fragen.

Sehr gelobt wurde die neue Bescheidenheit der Interessenvertretung. Man verlange nichts Unangemessenes mehr. Keine Alternativen. Keine Konversion. Keine gesellschaftlichen Debatten. Man bitte lediglich darum, berücksichtigt zu werden. Beim Aufrüsten. Beim Skalieren. Beim Wachsen.

Einige nannten das früher Betteln. Heute nennt man(n) es VERANTWORTUNG.
Und die, die einwandten, das klinge, als würde man(n) erklären, mensch sei Vegetarier, grille aber gelegentlich Schwein, weil sonst der Rost kalt bleibe, die wurden als das gebrandmarkt, was sie sind – Kindsköpfe und Beschmierer nationalen Helden- und Opferkults.

Besonders anerkennend wurde vermerkt, dass führende Vertreter der Arbeiterverwaltung inzwischen auch an gehobenen Tischen Platz nehmen. Dort, wo über Sicherheit gesprochen wird. Über Märkte. Über Chancen. Dass diese Gespräche ausgerechnet am Antikriegstag stattfinden, wertet man in Krähwinkel als Zeichen historischer Reife. Man lässt sich von Daten nicht mehr irritieren.

So schreitet Krähwinkel voran.
Illusionsfrei. Resilient. Souverän.

Und falls doch einmal etwas schiefgehen sollte, wird man(n) später sagen können, man(n) habe es ja nicht besser gewusst und wasche sich die Hände in Unschuld, denn man(n) habe es schließlich und endlich auch gar nicht entschieden.

Und der Rest ist Schweigen.

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