Krähwinkel zwischen Kriegsgeilheit und Vereinnahmungswahn

Oder: Wie Osnabrücks Chef-Exeget Remarque strammstehen lässt

In Krähwinkel wird wieder gelesen.

Also: zitiert.
Also: zurechtgebogen.
Also: verwertet.

Nachdem die selbstgekürte ´Friedensstadt unter dem Gewicht zeitenwendischer Panzerphantasien diskret eingesunken war – alldieweil Oberbürgermeisterin und Gewerkschaftslokalchef Rüstung als Standortpflege betreiben und Kriegsgerät als sozialpolitisch „irgendwie auch pazifistische“ Fürsorge etikettieren –, musste geistig nachgerüstet werden.

Panzer allein überzeugen nicht mehr.
Krähwinkels Volksgewissen verlangt nach Patronaten
.

Und zum Glück verfügt Krähwinkel über Qualitätsjournalismus.
Die NOZ.
Die muss es wissen.

Sie präsentiert den Experten.
Nicht irgendeinen.

Jürgensen ist Leiter des Erich Maria Remarque-Friedenszentrums am Markt.

Am Markt.
Wo sonst.

Mit anderen Worten: „Osnabrücks Chef-Exeget in Sachen Remarque“.
Und wenn der Chef-Exeget spricht, dann spricht nicht bloß ein Mensch – dann spricht gewissermaßen das Zentrum selbst. Mit Amtsbonus. Mit Deutungshoheit. Mit gedrucktem Siegel und „Flaggenbekenntnis„.

Da darf der geneigt lesende Krähwinkler Michel unter seiner Schlafmütze beruhigt sein:
Was hier steht, ist nicht Meinung.
Es ist amtlich veredelte Auslegung – geschniegelt und uniformiert.

Nun also Remarque.

Er sei kein schlichter Pazifist gewesen.
Nein, nein.
Ein „militanter Pazifist“.

Ein paar rote Linien hier.
Ein bisschen Wehrhaftigkeit dort.
Und schon steht Remarque geschniegelt, gespornt und gestiefelt militant im Vorraum des Kriegsministeriums und nickt zustimmend zu Hochrüstung und Kriegsmobilisierung.

Dass derselbe Remarque sein literarisches Werk der Entzauberung des Soldatenmythos widmete,
dass er die Mechanik der Verführung,
die nationalistische Demagogie,
die Massenpsychologie des Militarismus,
die Verwertungslogik des Tötens seziert hat –

geschenkt…

In Krähwinkel liest man selektiv.

Denn ließe mann auch nur die Ahnung zu, „militanter Pazifismus“ meine kompromisslose Kritik an der Kultur des Tötens, Entmythologisierung des Heldischen und Widerstand gegen neue Kriegslogiken, Militarismus und Faschismus, dann geriete mancher Leitartikel ins moralische Schlingern – und das frisch gebügelte Gewissen bekäme empfindliche Falten.

Militant war der Widerspruch.
Nicht die Bewaffnung.

Doch verschiebt mann das Wort nur ein paar Grad,
zieht ihm seine historischen Eingeweide heraus,
spült es durch Gegenwartsrhetorik
und stopft es neu hinein – diesmal feldgrau –,
so bleibt vom Pazifismus wenig übrig
und vom kriegstüchtig Militanten sehr viel.

Exegetische Massagetechnik.

Auch biografisch wird beherzt nachgeholfen.

Remarque habe sich freiwillig zur US-Armee gemeldet – heißt es sinngemäß.

Das klingt kernig.
Nach Haltung.
Nach Einsatz.

Nur: Belegbar ist das nicht.

Belegbar ist eine Registrierung im Rahmen der zentralen US-Wehrerfassung.
Draft Board.
Klassifizierung.

Verwaltungsvorgang.
Formblatt.
Akte.

Keine Freiwilligenmeldung.

Zentrale Wehrerfassung – da reibt sich mensch verunsichert die Augen.
Die Wiedereinführung der Wehrpflicht lässt stahlbehelmt grüßen.

Aber aus einer administrativen Registrierung eine freiwillige Gefechtsbereitschaft zu schnitzen, ist ungefähr so seriös wie aus einer Meldebescheinigung ein Ritterkreuz zu falten.

Doch wenn es der Deutung dient, hilft jedes Formular.

Und ja – Remarque verfasste 1944 eine Denkschrift für den US-Militärgeheimdienst.

Aber worum ging es darin?

  • Nicht um Aufrüstung.
  • Nicht um Wehrfähigkeit.
  • Nicht um Kriegstüchtigkeit.
  • Nicht um geopolitische Muskelspiele.

Es ging um „Reeducation“ – Umerziehung.
Um die Entnazifizierung der deutschen Gesellschaft.
Um die Analyse jener geistigen Dispositionen, die Preußischen Untertanengeist, Militarismus, Faschismus, Vernichtungskrieg und Shoa erst möglich gemacht hatten.
Um die Zerstörung der Mythen, aus denen Militarismus, Faschismus und Krieg erwachsen.

Es ging um den Aufbau eines demokratischen Deutschlands unter einer Maxime,
die heute wieder brennend aktuell wirkt:

Nie wieder Faschismus!
Nie wieder Krieg!

Der US-Militärgeheimdienst fragte Remarque nicht,
weil er der Herr der „roten Linien“ und Begrenztheiten des Pazifismus war.
Sie fragten im Gegenteil eben jenen Autor,
der die Mythen des Krieges zerlegt hatte.
Der die Verführungsmechanik des Militarismus durchschaute.
Der dem Soldatentod die Aura des Heldischen nahm.

Sie fragten ihn,
weil er Antimilitarist und Humanist war.

Die Nazis wussten übrigens ebenfalls sehr genau, was sie taten.

Am 10. Mai 1933 riefen sie, während sie seine Bücher ins Feuer warfen:

Gegen literarischen Verrat am Soldaten des Weltkrieges,
für Erziehung des Volkes im Geiste der Wehrhaftigkeit!
Ich übergebe der Flamme die Schriften von Erich Maria Remarque!

Die Nazis verbrannten Remarque nicht,
weil er zu wenig entschlossen war.
Sondern weil er dem Krieg den heroischen Mythos nahm –
jenen Mythos, der ihm nun in Krähwinkel exegetisch wieder angedichtet werden soll.

Und sie mordeten seine Schwester nicht,
weil sie zu wenig kriegstüchtig war.
Sondern weil sie den Mut hatte, Nein! zu sagen

und weil sie die Schwester jenes Autors war,
der dem System die geistige Gefolgschaft verweigerte.

Elfriede Scholz wurde denunziert.
Der Volksgerichtshof unter Roland Freisler verurteilte sie wegen „Wehrkraftzersetzung“ zum Tode und höhnte:Ihr Bruder ist uns leider entwischt –
Sie aber werden uns nicht entwischen.

Am 16. Dezember 1943 wurde sie in Berlin-Plötzensee enthauptet.

Die Nazis – über die nun wirklich nichts Gutes zu sagen ist – hatten wenigstens ein präzises Gespür für ihre Gegner. Das sollte beim Lesen exegetischer Rote-Linien-Phantasien zu denken geben.

Und nun, Jahrzehnte später, versucht mann ausgerechnet Erich Maria Remarque – den militanten Kämpfer gegen Militarismus, Faschismus, Krieg und Wiederbewaffnung – zum Gewährsmann einer neuen militärischen Selbstvergewisserung krähwinklerisch zurechtzubiegen – und das in seiner Geburtsstadt, der Friedensstadt und chefexegetisch beglaubigt.

Das ist nicht nur historisch kühn.
Das ist eine Form geistiger Leichenfledderei.

Und während Krähwinkel den so gefledderten militanten Kämpfer für Humanismus, Individualismus und Toleranz heute dienstbar macht, wurde ihm die deutsche Staatsbürgerschaft, die man ihm 1938 aberkannt hatte, nie zurückgegeben.

Mann erwartete einen Antrag.
Ordnungsgemäß.
Formgerecht.
Mit Unterwerfungsgeste.

Remarque lehnte ab:
Wie komme ich dazu? Ich habe mich doch nicht selber ausgebürgert!

Der Staat verlangte Strammstehen.
Er bekam Rückgrat.

Und im Friedenszentrum glänzen derweil die Anstecker am Blouson des Chef-Exegeten.
Schwarz-Rot-Gold.
Und Blau.
Mit güldenen Sternchen.
Und bald vielleicht sogar mit atomarem Glitzer.

Während irgendwo im Jenseits Erich Maria Remarque sitzt,
der den Krieg als entmenschlichte Maschine entlarvte,
und gar nicht so viel fressen könnte,
wie er kotzen müsste –
doch der Wind stünde günstig
Richtung Markt.

Denn die Zeit – und was in ihr geschieht – lehrt Tag um Tag,
das Unmögliche als möglich,
das Unwahrscheinlichste als wahrscheinlich anzunehmen,
den Unsinn als des Sinnes voll gelten zu lassen
und an überwirkliche Kräfte zu glauben,
die hinter der Wirklichkeit, diese bestimmend,
ihr geisterhaftes Spiel treiben.

Was auf den Markt gehört,
findet seinen Weg.

Und wer nicht auf einen Sockel gehört,
lässt sich auch nicht hinaufdeuten.

In Krähwinkel allerdings
nennt man selbst das noch:
Auszeichnung.

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